Dienstag, 10. August 2010

Spiele

Damals: Höher

Sie war vorsichtiger geworden mit ihren Liebschaften. Auch, wenn das für den geneigten Betrachter nicht so aussehen mochte. Die zahllosen gebrochenen Männeraugen, die eingehenden Anrufe, die entsetzlichen Momente des unverhofften Wiedersehens, die vorwurfsvollen Blicke ihrer Freunde hatten sie ermahnt, dem Spiel etwas mehr Bedeutung zuzugestehen, als sie es bisher getan hatte.

(Nicht zu vergessen, auch wenn sie das nie zugeben würde, der Ire. Und daraus resultierend: ihre gebrochenen Augen im Spiegel, die ausgehenden Anrufe, die entsetzlichen Momente des unverhofften Wiedersehens, die mitleidvollen Blicke ihrer Freunde. Kant schickt seine Hochachtung.)

Gegen Ende ihres Aufenthalts in Schottland erkannte sie ihre Macht und eine Verantwortung, derer sie sich davor nicht völlig bewusst gewesen war. Doch sie sollte nicht nur die richtigen Schlüsse aus dieser Erkenntnis ziehen, denn ihre plötzliche Milde, die Vorsicht, mit der sie nun ihren wechselnden Liebschaften begegnete, war begleitet von Stolz. Dieser Hochmut war es, der ihr nach Schottland jeden Fall nur noch schwerer machen sollte.

(Und Frankreich sollte sie das Fallen lehren. Der richtige Zwilling sollte es perfektionieren. Sie sollte sich nach jedem Fall in noch unerreichbarere Höhen aufschwingen. Bis ihr eine Frau in einem weißen Kittel in einem weißen Raum an einem weißen Tag die Flügel stutzen sollte.
Ihre Renaissance.)


Ich schiebe eine Finsternis vor mir her.
Jeder verirrt sich in ihr.
Man verwechselt mich mit Licht.

Meine Stimme klingt
wie zerbrechende Tongefäße
(niemand wird um acht Uhr morgens
Kaffee aus ihnen trinken).

Mein Herzschlag ist Sturm
(eure Boote sind nie sicher).

Ich öffne deinen Kopf
und säe Fernweh.

Es wird keimen
sobald du in die Sonne stolperst
und Luft holst.



Heute: Tiefer

Die Tage verschwimmen.

Die Nächte werden klarer und reiner. Sie sind beherrscht von den gleichgültig lächelnden Augen des richtigen Zwillings und den gereizt fordernden Augen des falschen Zwillings. So leicht, sie zu unterscheiden.

Die Blicke der Beiden umkreisen sie wie Schäferhunde und treiben sie hierhin und dorthin. Sie ist ein Lamm, verloren in der Dunkelheit, schwankend und mit unsicherem Tritt hastend, fort von ihren dunklen Bewachern.
Sie verirrt sich in fremden Wohnungen und Betten. Sie blutet. (Doch das ist normal, sagt die Ärztin.) Das Blut klebt an ihr, immer, die Männer können es riechen. Die Hunde können es riechen.

Sie sitzt zusammengekauert in der Ecke, in der vor einigen Nächten der Betrunkene saß, und hält still. Irgendwo am anderen Ende des Raumes lauert ein paar dunkler Augen unter ergrauten Brauen. Sie kommen näher. Silberbart setzt sich zu ihr und sie sinkt dankbar an seine Schulter.

(Der Wolf wird gelassen verschmähen, die Hunde zu reißen. Er wird sie nur zu sich nehmen, sie wird sich zu ihm flüchten. Sie wird ihn ihre Wunden lecken lassen. Er wird genüsslich ihr Blut trinken.
Sie wird heilen.)


Irgendwo
in dieser schwarzen tropischen Hitze,
mit ihrer Luft,
die schwerer wiegt
als ein Körper,
mit ihren beißenden,
vertrauten Gerüchen -

Irgendwo dort
liegen wir.
Meine Beine geöffnet
wie ein Auge.

Raubkatzenauge,
lauerndes.

Vielleicht
ist dieses Gefühl im Magen
nur deine Hand,
die meine Eingeweide streichelt
und langsam tiefer wandert.

Bestimmt
ist dieses Pochen im Kopf
nur die Fülle an Namen,
die du mir im Schlaf gibst.

Ich weiß doch:
man soll
schlafende Wölfe wecken.

Und schon

sucht meine gierige Lammzunge
Milch.

Freitag, 6. August 2010

Was Hilft

Jetzt: Weggehen

Das neue Leben verschwimmt vor ihren Augen, mit jeden Schluck Bier wird es undeutlicher. Da ist wieder der Weichzeichner, der sich so gnädig über Lichter und Geräusche legt und ihr ein seliges Lächeln aufs Gesicht malt. Den sie so vermisst hat in ihrem neuen Leben. Den sie so gefürchtet hat in ihrem alten Leben.

("Sucht: das triebhafte, durch Vernunftgründe nicht einzudämmende Begehren, sich Lust zu verschaffen (Unlust zu vertreiben); das Bestreben, das Lusterlebnis zu wiederholen, sobald die Wirkung des vorangegangenen nachzulassen beginnt; die Neigung, diesem Lustgewinn den obersten Rang einzuräumen, ihm alle anderen Lebensziele unterzuordnen. Kein Mensch ist hiernach völlig frei von S." Der große Brockhaus, Elfter Band, Sechzehnte Auflage, F. A. Brockhaus Wiesbaden, 1957)

Sie ist noch nicht allzu betrunken, doch das Lächeln des falschen Zwillings ist ein Sog in dem schlecht beleuchteten Pub, sie fragt sich ob sich wohl gerade ihr Gesicht ablöst, ob ihre Augen zuerst geschluckt werden von diesem Strudel, ob er an ihren Haaren zieht und sie schließlich gänzlich einsaugt, Kopf voran –

„Welcher ist das?“ fragt ihre Freundin nun, und sie sagt nur: „Der Falsche.“ „Schade. Beziehungsweise egal. Der Richtige steht ja eh nicht auf dich. Und außer dir sieht keiner einen Unterschied zwischen den beiden.“

Prompt kommt er hinter der Bar hervor und auf die beiden Mädchen zu, um sie zu begrüßen. Mit: „Long time no see!“ und zwei Bier. Sie setzen sich an einen Tisch unweit der Bar, und während ihre Freundin völlig untypisch sofort mit ihren Tischnachbarn spricht versucht sie, den Blicken des falschen Zwillings auszuweichen. Das Bier hilft ihr. Es macht sie biegsam wie Gras, ihr Körper tanzt um die Blicke, die er ihr schickt, herum.

Wird sie angesprochen, so behauptet sie ihr Name sei Cat und sie sei Französin, nein, ich spreche kein Englisch oder Deutsch, desolée. Als ihre Freundin ihre Drohung wahr macht und mit einem der Männer verschwindet bleibt ihr nur ein Betrunkener, den sie beobachtet und der allein in einer Ecke sitzt, mit konzentriertem Gesichtsausdruck ein Pint nach dem anderen leerend. Seine schulterlangen Haare kleben ihm im Mundwinkel und hängen in seinen Bartstoppeln, knapp unter der Krempe des ehemals weißen Cowboyhuts ziehen sich buschige Augenbrauen bei jedem Schluck streng zusammen und lassen ihn noch ein wenig wilder aussehen. Die schmutzigen Hände umklammern das Glas.

Sie sieht es nun auch: das Glas ist der einzige Gegenstand im Raum, der sich nicht dreht. Oder anders: der gesamte Raum dreht sich um dieses Glas. Sie widersteht der Versuchung, zu ihm zu gehen und ihre Hände auf die seinen zu legen um teilzuhaben an diesem einzigen Anker in ihrer Welt, vielleicht würde sie dann seine Augenfarbe sehen, bestimmt wären sie blau, denn dieser ganze Raum hier war schon lange nichts als Meer und ihre Augen, die den ganzen Abend nichts als bernsteinfarbene Flüssigkeit gesehen hatten, bettelten um etwas blaues, um etwas Wahrheit.
Kurz bevor sie aufstehen und zu ihm gehen kann finden ihre Finger ihren ganz persönlichen Anker in ihrer Tasche, ohne den sie nie aus dem Haus gehen würde: ein Buch. Die Buchstaben tanzen vor ihren Augen. Sie liest (Ce qui est perdu) und entlässt den Betrunkenen aus ihren Gedanken.


Seine Augen,
die nichts mehr halten,
tasten vielleicht gerade
meine Seele ab.

Ich liebe
sein ewig gleiches Lächeln,
ich liebe
die Möglichkeit: er als Mensch.

Seine fremden Hände,
die das Glas umklammert halten,
werden zu Vertrauten,
die jeden Winkel meines Körpers kennen.

Sein Körper, längst zu schwer
für seinen Willen,
wird mein
in der einsamen Gier
hinter meinen Pupillen.



Später: Heimkommen

Sie wird noch ein Glas Wasser trinken und über drei Stunden durch die nächtliche Stadt laufen.
(Einmal um die Frauenkirche, Richtung Sendlinger Tor, durch das Glockenbach, quer durch das Tal, die Maximiliansstraße, zum Friedensengel, über die Prinzregentenstraße – am Käfer kurz stehenbleiben, zum Prinzregentenplatz – vors Theater setzen, zurück zum Max Weber Platz, Wiener Platz – im nächtlichen geschlossenen Biergarten sitzen, dann heim.)

Sie wird nüchtern ankommen, mit zitternden Händen noch ein Glas Wasser trinken, dankbar, dankbar, dankbar, dass sie einem Mann mit Cowboyhut nicht auch eines anbieten muss. Sie wird sich schwören, nie wieder etwas anderes als ein Buch als Anker in ihre Leben zu lassen.

("Versprechen: 1) rechtlich die Zusage einer künftigen Leistung. Das V. wird erst durch die Annahme bindend (außer bei der Auslobung); 2) im Unterschied zu organisch bedingten Sprachfehlern ein oft als Fehlhandlung zu deutender Sprachfehler." Der große Brockhaus, Zwölfter Band, Sechzehnte Auflage, F. A. Brockhaus Wiesbaden, 1957).

Sie wird sich nicht glauben. (Allein schon, weil sie es satt hat, immer alles zweimal lesen zu müssen.)


Die Stille
konnte das Harte in mir
nicht zermahlen.

Der Alkohol
konnte das Schwere in mir
nicht auflösen.

Ich
kann nicht teilen,
doch wenn nichts hilft
will ich üben,
will ich es irgendwem
in zarte, blasse Hände legen,
Stück für Stück.
Mit meinem Kopf
müsste ich anfangen.

Am Ende
wird die Rastlosigkeit verblassen
und alles ohne Lieder enden.

Bis dahin
sammle ich meine Tränen
um mit ihnen
an langen Winterabenden
heiße Suppe
zu salzen.

Und vielleicht ist das
das Einzige,
was hilft.

Montag, 2. August 2010

Vom Fallen

Heute: Fallen

Sie liest die Nachricht. Sie antwortet. Sie macht sich direkt auf den Weg zu ihrer Freundin.
Wenig später sitzt sie ihr gegenüber, auf dem großen Himmelbett, und fährt ihr mit dem Daumen zärtlich um die geröteten Augenlider. Sonst berühren sie sich nicht (sie sind keine körperbetonten Menschen). Die Schluchzer der Freundin durchbrechen die Stille. Sonst sprechen sie nicht (sie sind keine redseligen Menschen).

Schließlich steht sie auf und geht zum DVD Regal. Lange steht sie davor. Pretty Woman, Tatsächlich Liebe, Frühstück bei Tiffany. Dann sagt sie: „Gib es zu, du willst diese Filme genauso wenig sehen wie ich, du freust dich nur über die seelischen Schäden, die du mir damit jedes Mal zufügst.“ „Ich habe nie etwas anderes behauptet. Außerdem haben wir beide was davon: ich vergesse über meine Schadenfreude für kurze Zeit meine Probleme, und du würdest nie erfahren, was Leid ist, wenn ich dich nicht hin und wieder daran erinnern würde.“

Sie wählt einige Liebesfilme, die sie weniger unerträglich findet als die anderen und schweigt dabei. Ihre Freundin musste seit Samstag Abend allein so dagesessen und geweint haben. Sie bewundert das. Die Schleusen öffnen und reißende Fluten fließen lassen, denkt sie. Sich für ein paar Stunden lang hinreißen lassen, in diesen Strom fallen und ertrinken. Und dann wieder auftauchen. Sie selbst kennt nur Rinnsale, Tropfen aus Quellen, die zum Bersten gefüllt sind und nie versiegen.

„Vier Hochzeiten und ein Todesfall, High Fidelity oder The Eternal Sunshine of the Spotless Mind?“
Ihre Freundin wählt letzteren.
„So schlimm?“ fragt sie, doch sie bekommt keine Antwort. Sie legt den Film ein, setzt sich wieder auf das Bett und legt nun doch den Arm um das Mädchen, das bereits bei der Vorschau wie hypnotisiert auf den Bildschirm starrt. Sie zieht es zu sich, die andere sinkt seufzend an ihre Schulter und murmelt: „Lass uns später noch weggehen, ja? Vielleicht mache ich es ja einfach mal wie du, betrinke mich und schlafe mit irgendwem.“

Sie zuckt zusammen bei diesen harten Worten doch sie lässt sich nichts anmerken. „Wie du möchtest. Eine von uns beiden muss ja den Ruf aufrechterhalten.“ „Stimmt, bei dir war es ziemlich ruhig in letzter Zeit.“
„Was soll ich sagen. Nice is good“, erwidert sie zeitgleich mit Jim Carrey.
Ihr Herz protestiert.




Damals: Aufstehen

Der Ire mit den grünen unschuldigen Kinderaugen hatte ihr unmissverständlich klar gemacht, dass ihre Affäre vorüber war. Das hieß: er hatte alle ihre Anrufe ignoriert und tat so, als sähe er sie nicht, wenn sie sich über den Weg liefen. Sie hatte in Schottland schon weniger charmante Methoden zum Beenden einer Beziehung erlebt.

Die Frage war nur: wie hatte ihr bester Freund davon erfahren, und was machte er am Sonntag Nachmittag vor ihrer Tür? „Geht es dir gut?“ fragte er.

„Es ginge mir besser, wenn ich den Namen des Mannes in meinem Bett wüsste. Aber wart mal, vielleicht kennst du ihn ja? Magst du ihn dir kurz anschauen? Er schläft noch. Danach müsstest du allerdings gehen, ich will ihm den zweiten Mann in der Wohnung nicht erklären müssen.“

„Was ist mit dem Iren?“

„Was soll mit dem Iren sein?“


Seufzend las sie sich die mit Rechtschreibfehlern fast bis zur Unleserlichkeit gespickte SMS durch, die sie ihrem Freund allem Anschein nach Samstag Nacht geschickt hatte.


„Stimmt. Der Ire ist weg. Ich bin so froh dass ich dir regelmäßig erzähle, was in meinem Leben passiert, sonst würde ich die Hälfte einfach vergessen oder gar nicht erst mitbekommen.“


Ihr Freund lächelte nur und strich ihr über die struppigen Haare. „Immer schön vorsichtig, Kleine. Schmeiß den Unbekannten bald raus, ich hole dich um 7 zum Abendessen ab. Geht auf mich.“

Sie schloss die Tür hinter ihm und schwor sich, allen ihren Freunden so bald wie möglich zu sagen, dass sie sie liebte und brauchte ihnen für alles dankbar war, was sie sagten und was sie ungesagt ließen.


Bist du nicht auch manchmal traurig,

fragte sie
ohne mich anzusehen.

Es gibt keine Stelle in meinem Gesicht,
über die nicht schon einmal eine Träne lief,
keine Stelle an meinem Körper,
die nicht schon berührt worden wäre

Da sind die Spuren,
da sind die Atemzüge und Wimpernschläge,
da ist nichts mehr.

Willst du nicht auch manchmal fallen,
fragte sie,
wenn es nicht so viel schwerer wäre
als weiterzugehen.

Die Straße wird dein Freund,
laufe ihr entgegen und umarme sie
und vergiss nicht
dass die Hände, die sich nach dir ausstrecken,
nur an dieser Umarmung teilhaben wollen.

Und sie weinte.

Ich hielt sie
bis die Tränen wieder Spuren wurden
in meinen müden Armen,
die die Welt tragen,
die verhärten,
die sich nichts sehnlicher wünschen
als an dieser Umarmung teilzuhaben
und zu fallen.

Samstag, 31. Juli 2010

Sonntag

Damals: Luft holen

Am Ende hatte sie die französischen Sonntage lieben gelernt. Sie waren so viel stiller als die schottischen und weniger träge als die deutschen. Sie hielten ihre Hand, die so müde war vom stumpfen Mitschreiben der Diktate ihrer Professoren und strichen ihr über die erschöpften Augenlider. Die schwere Luft summte von Wiegenliedern.

Sie ging jeden Sonntag auf den Markt, der direkt um die Ecke lag, und kaufte ein wenig Obst und Gemüse, manchmal Käse und Eier. Sie hätte an jedem anderen Wochentag genauso gut einkaufen gehen können, doch sie liebte die Marktsonntage, an denen panische Franzosen in Scharen einfielen, sämtliche legalen und illegalen Parkplätze belegten und hektisch so viel an Feinkost einkauften, wie sie in ihrem Kofferraum verstauen konnten – stets mit der Furcht im Nacken, sie könnten gerade an diesem Tag, an dem man außer Essen ohnehin nicht viel unternehmen konnte, nicht genug frische Köstlichkeiten im Kühlschrank haben. Sie mochte auch die Marktschreier, die das Geschäft witterten und die allgemeine Kauflust auszunutzen suchten, indem sie sich lauthals und streitlustig gegenseitig an Preisen unter- und an Qualität überboten.
Sie trat an ihren bevorzugten Stand und die Besitzer (drei Männer aus drei Generationen) erspähten sie sofort. Der Mittlere holte eine frische Kiste Erdbeeren aus dem Lastwagen, die der Ältere ihr sofort zum Probieren aufdrängte. Nachdem sie sich die schönsten Exemplare ausgesucht und in eine Papiertüte gepackt hatte, verschwand die Kiste mit ausgewählt schönen Erdbeeren wieder im Wagen. Obwohl sie Erdbeeren nicht einmal sehr schätzte, so hatte sie dieses Ritual doch lieb gewonnen und freute sich auch über die neidischen Blicke der anderen Marktbesucher.

Sie stellte sich in die Schlange an der Kasse und betrachtete neugierig ein grünes Gemüse, das ihr völlig unbekannt war. Lange, dicke Stängel mit feinen, großen Blättern, vereinzelt grüne Knollen, die Blütenknospen sein mochten.
„Cima!“ hörte sie hinter sich. Dort stand eine breit lächelnde dunkelhäutige Frau, die nun ein Blatt des seltsamen Gewächses abriss und ihr zum Probieren hinhielt. Ungefragt fuhr sie fort: „In Salzwasser bissfest kochen, dann abgießen, ein wenig Kochwasser auffangen und mit Spaghetti und ein wenig Olivenöl servieren.“
Sie nickte und nahm sich eine Handvoll des grünen Krauts heraus, doch die Frau hielt sie auf. „Die Knospen sind das Beste. Suchen Sie die Knospen.“

Genau das tat sie und wenig später hatte sie eine dampfende Schüssel Spaghetti mit Cima vor sich, eine einfache Mahlzeit, die ihr eine einfache Frau in diesem alles andere als einfachen Land empfohlen hatte und die ihren langsamen Sonntag perfekt machen sollte.


Heute: Luft anhalten

Sie ist an diesem Sonntag um vier Uhr morgens von der Arbeit heim gekommen und sieben Stunden später wieder aufgewacht. Abgesehen von den Arbeitszeiten hat sie nichts gegen ihren Sommerjob und ist regelrecht froh, dass sie nach ihrer vorgeschriebenen Ruhephase wieder etwas tun kann, was sie von all den Männern und Frauen in ihrem Kopf ablenkt.
Besagter Kopf und vor allem die Haare darauf sind noch immer feucht, nachdem sie auf dem Heimweg von einem der unberechenbaren Sommergewitter überrascht worden war. Es regnet immer noch.

Sie schleppt sich in die Küche, wo sie feststellen muss, dass sie vergessen hat einzukaufen. Das Frühstück besteht also aus Kaffee. Sie liest lustlos die Wochenendausgabe der Zeitung. Es regnet immer noch.

Schließlich duscht sie, zieht sich an, greift sich einen Regenschirm und wagt sich hinaus. Für einen Tag wie diesen sind überraschend viele Menschen im englischen Garten, die meisten Hundebesitzer, alle Singles. Es ist so unnatürlich still, dass sie plötzlich wünschte, sie hätte einen MP3 Player mitgenommen, um ihre eigenen Gedanken nicht so laut hören zu müssen.
Das machen hier wahrscheinlich alle, denkt sie. Ihre Gedanken spazieren führen. Ihnen ein bisschen Auslauf gönnen. Doch das darf sie nicht, dafür sind die ihren noch zu wild und ungezähmt, sie nagen ununterbrochen an der Leine, die sie ihnen angelegt hat, und wenn sie sie laufen ließe wären sie bestimmt für immer verloren. In diesem grauen Regen. In dieser blanken Stille.

Ihr Handyklingelton zerreißt das Schweigen. Sie liest die Nachricht.


Selbst das spielen der hunde noch ziellos

an diesem tag

geht der blick des jungen
der sie beobachtet
ins nichts

werden die menschen
in parks
zu körpern

Ich wünsche mir jetzt
die augen meiner schwester
die beweise finden
wie detektive

Ich habe nur worte
weiße gipsabdrücke

So trage ich
diesen schweren tag in mir:

die seelen schlafen
die kirchenglocken geben den herzen
den takt

Montag, 26. Juli 2010

Blank

Heute: Schönheit


Nur knapp zwei Wochen später sind das Eis und die Ruhe von ihren Hüften verschwunden. Sie betrachtet sich im Spiegel. Sie sieht eine schlanke junge Frau. Sie starrt zwischen ihre Beine, auf die Innenseite der Oberschenkel, die so rot und feucht waren am Morgen nach ihrem ersten Versuch, wieder Sport zu machen. Doch die junge Ärztin mit den kurzen blonden Haaren und den dunklen Augen hatte ihr versichert, dass alles in Ordnung sei.
Es hatte gut getan, das zu hören.

Alles ist in Ordnung.

Langsam beginnt sie sich anzuziehen, dann sitzt sie an ihrem Schreibtisch. In ihrem Zimmer. In ihren Klamotten. Und atmet diese Münchner Luft, die ihr so widerwärtig vertraut ist.

Selbst die Ärztin, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, war ihr bekannt vorgekommen. Sie erinnert sie an eine Katze.
(Doch das war reiner Zufall.)

Damals wäre sie einfach weggelaufen, wenn sie sich so gefühlt hätte. In eine andere Stadt, in ein anderes Land – vielleicht einfach nur in ein anderes Bett. In einen anderen Zustand.
Heute würde sie sich weigern, Feuer mit Feuer zu bekämpfen und Probleme mit noch größeren Problemen zu überschatten. In ihrem neuen Leben waren Alkohol und Sex keine Protagonisten. (Vielleicht Souffleure?)

Sie denkt noch eine Weile darüber nach, warum Vertrautheit sie abzuschrecken und alle anderen Menschen anzuziehen scheint. Dann denkt sie an die Ärztin. Und sie erinnert sich: Cat. Ihr Herz verkrampft sich.

(Der restliche Tagesverlauf lässt sich rasch zusammenfassen: sie wird sich in voller Kleidung in ihr Bett legen und fünf ganze Die Drei ??? Kassetten am Stück hören, bei der sechsten wird sie einschlafen.)


Damals: Sex

Der Abend, an dem sie in der Jugendherberge in ihrer Kleinstadt im Süden Frankreichs ankam, war so heiß und schwer, dass sie sich fast wie in einem Márquez-Roman fühlte. (Und die Vorahnung trog sie nicht: die Einsamkeit sollte kommen, selbst wenn sie keine hundert Jahre dauern würde.) Erschöpft schleppte sie sich an die Rezeption, erklärte in ihrem gebrochenen Französisch, dass sie ein Bett im Schlafsaal gemietet habe.

Sie brachte ihren Koffer in das Zimmer, setzte sie sich mit ihrem Laptop an die Bar, die zur Herberge gehörte und kostenloses Internet anbot, um sich auf Wohnungssuche zu begeben. Außer ihr war nur noch ein anderes Mädchen an der Bar, es hatte sehr kurze blonde Haare, rauchte und starrte dabei völlig ungeniert das "rauchen verboten“ Schild an. Doch schon bald wanderte sein Blick weg vom Schild und hin zu ihr, wo er verharrte.
Sie begann sich unwohl zu fühlen unter diesem bohrenden Blick und fürchtete sich doch, aufzuschauen und ihn zu erwidern. (Noch eine Vorahnung, die sich bestätigen sollte.)

Das Mädchen stand auf – im Stehen erschien sie viel größer als zuvor noch auf dem Barhocker – und schlenderte zu ihr. Es stützte sich mit dem linken Arm neben ihr auf der Bar ab. Es roch gut.
Vorsichtig hob sie nun doch den Blick vom Bildschirm und sah der Anderen ins Gesicht. Hinter langen blonden Wimpern lauerten dunkle Katzenaugen.

„Du suchst nach einer Wohnung?“

„Ja.“

„WG?“

„Ja.“

„Ich habe eine Wohnung für dich. 180€ inklusive Nebenkosten.“

„Ah...“

Sie musste lächeln. Frankreich war gut zu ihr. Oder?

„Und warum?“

„Weil das Semester erst in zwei Wochen anfängt, und ich noch jemanden brauche, der für die nächsten zwei Wochen mit mir nach Paris fährt. In der Zeit hast du dann wahrscheinlich wenig Zeit, dir hier eine Wohnung zu suchen.“

Es folgten zwei rauschhafte Wochen, in denen sie halbwach durch Paris taumelten, sich verkleideten, in Theater gingen, in denen ihr Cat (so hatte sie die ihr nach wie vor Unbekannte getauft, und diese hatte gleichmütig zugestimmt) vertrauter wurde als irgendwer sonst, ohne dass sie ihrer überdrüssig wurde. Das muss Liebe sein, dachte sie.
Und das muss Schmerz sein, wusste sie, als Cat verschwand.

Sie blieb noch drei Nächte in der im Voraus bezahlten Herberge und wartete, doch Cat blieb verschwunden. Schließlich fuhr sie zurück, um ihr Studium zu beginnen, und fragte ihren Vermieter über die vertraute Fremde aus, doch der blieb einsilbig.
Sie meinte, ein zweites wundes Herz zu erkennen.

(Sie würde ihn nie wieder darauf ansprechen: er war ein zuverlässiger, hilfreicher Vermieter, nicht allzu aufdringlich. Eine Perle unter den Franzosen. Sie würde sämtliche Vita Sackville-West Biographien lesen, die sie finden konnte, und sie würde die Finger von Frauen lassen.
So begann ihr Jahr in Frankreich mit Wunden Lecken.)

Hier ist alles noch neu
und
fingerabdrucklos rein.

Meine Blicke legen sich
wie Häute
auf die Welt.

Ein leeres Buch
ist vielleicht das Beste,
das je geschrieben wurde.
sagt sie und
küsst mich.

Mit ihren
Glausaugen
und
Nylonhaaren
und
Lippen.

Wenn ich ausatme
beschlägt sie.

Ich werde den roten Faden
und sie verlieren
und weiterblättern
auf lilienweißen Seiten.

Samstag, 24. Juli 2010

Honigtage

Damals: Seele


Vor annähernd zwei Jahren: der schottische Herbst hatte ihre Sinne versiegelt. Sie sah nichts außer wilden Wolken, sie roch nichts außer feuchtes Laub, sie hörte nichts außer wütenden Stürmen, sie schmeckte nichts außer tanzendes Meer, sie fühlte nichts außer eine nahezu schmerzhaften Liebe zu diesem zornigen Land. Sie wusste, dass diese Liebe unerwidert bleiben und der Wind nie aufhören sollte, ihr unsanft ins Haar zu greifen, daran zu reißen und sie anzubrüllen.

(Es gibt ein Wort für solche Menschen: Masochisten.)

Ganze Tage verstrichen, an denen sie so durch ihre Stadt lief, die Seele zum Überlaufen voll mit Sehnsucht und einem zaghaften, fragilen Glück, das bereits die Trennung fürchtete. So erfüllt war sie von diesem Gefühl, dass die Menschen, die sich flüchtig wie Vögel in ihrem Herzen eingenistet hatten, keinen Platz mehr fanden und empört zwitschernd und zunehmend wütend und müde um sie herumflatterten, einen neuen Rastplatz suchend. Sie war zeitweise unerreichbar für die Außenwelt, von einigen wenigen Ausnahmen einmal abgesehen.

(Es gibt ein Wort für solche Menschen: Sadisten.)

Sie und der schottische Herbst: die Geschichte einer großen Liebe. Auch der milde Inselwinter sollte gut zu ihr sein, ebenso wie der schlaftrunkene alkoholbeschwingte immerlächelnde Frühling.

Vor annähernd einem Jahr: Es gabTränen, als der französische Sommer sie auseinanderriss und zu ersticken drohte. Der französische Herbst machte sich nicht einmal die Mühe einer Aufwartung, der Winter hielt sie in einem eisernen eiskalten Würgegriff, den nicht einmal warme Betten und weiche Arme zu sprengen vermochten. Der Frühling brachte nichts als Hoffnung. Und einen dunklen Engländer.



Heute: Verstand

Das lange Liegen, das Eis und der Whisky werden langsam an verschiedenen Stellen ihres eigentlich schlanken Körpers sichtbar. Sie steht vor dem Spiegel, lange, und sieht sich nicht. Sie sieht den Engländer, der sie betrachtet. Damals. Der sie ignoriert. Heute.

Das Bild verschwimmt und sie sieht nun eine leicht rundliche junge Frau. Sie starrt zwischen ihre Beine. Die Leere sitzt nicht mehr dort, sie ist in ihre Brust gewandert. Obwohl die vom Arzt empfohlene Ruhefrist noch nicht abgelaufen ist, geht sie laufen, für eine halbe Stunde. Davon denkt sie 27 Minuten lang an ihn, zwei Minuten lang an die Brüder, eine Minute lang an das Ziehen in ihrem Unterleib, das gegen Ende wieder auftritt.

Sie sperrt ihre Wohnung auf. Sie duscht sich. (Sie denkt an ihn.) Sie macht sich einen Salat. Sie sieht sich einen Film an. (Snatch – sie denkt an ihn.) Sie schenkt sich ein Glas Whisky ein und liest. (Jane Eyre – sie denkt an Schottland.)

Die Tage mit dir im Kopf
sind Honig.
Sie fließen langsam und schmecken
klebrig.

Niemals sehe ich hinter deine Augen oder
die Sonne.
Zähe Fäden machen meinen Körper träge.

Goldene Spinnennetze
in schwarzen Kammern
halten mich gefangen für
süße Ewigkeiten.

Irgendwann krieche ich durch die hellen Spalten
in der Jalousien
und bleibe nicht stecken.


Dienstag, 6. Juli 2010

Whisky

Heute: Vorurteil


Sie betritt die Bar direkt am Gärtnerplatz, der winzige Raum ist lichtdurchflutet. Und in der Mitte ganz in Weiß: "Liebste!"
Sie küsst ihre Freundin und sie setzen sich an den einzigen freien Tisch. Es dauert, bis sie bestellen können, beide wählen Whisky. (Jack Daniel's Black Label - die Auswahl ist begrenzt.)
Ihre Freundin, die Smalltalk und Höflichkeiten wann immer es geht vermeidet, fragt gerade heraus: "Der erste Abend, den du nicht allein im Bett verbringst - warum sind wir hier?"

Zu müde, eine ganze Renaissance zu erklären, antwortet sie nur: "Der Engländer hat nicht geschrieben."

"Das ist keine Antwort auf meine Frage!"

Stille.

"Oder?"

Der Whisky kommt.

"Das ist eine Antwort auf deine letzte Frage und auf deine nächste Frage: wie ich mich fühle. Wir sind hier, weil ich hier absolut niemanden kenne und weil keine Lust mehr habe ins Pub zu gehen und die Zwillinge zu sehen. Ich kann nicht ununterbrochen austeilen, um garantiert niemals einzustecken. Ich bin zu müde für Spielchen. Ich bin zu müde für Präventivkrieg."

Nochmals Stille. Dann:

"Einverstanden. Die Zwillinge haben Auszeit. Gib mir dein Handy, wir schreiben dem Engländer. Damit du aufwachst."

Sie lächelte und hob ihr Glas. "Auf die Wahrheit."



Damals: Stolz



Sie betrat das Pub, die so seltsam an der Ecke eines Hauses gelegen und damit pfeilförmig war, die trotz ihrer Fensterreihen an zwei von drei Seiten dunkler schien als so mancher Keller: schwere Fässer und Whiskyflaschen lauerten in den Fensternischen und schluckteen gierig das Tageslicht. Ohne sich umzusehen ging sie an die Bar und setzte sich, sie wusste, dass ihre Freunde noch nicht da sein konnten, schließlich war sie eine gute Viertelstunde vor der verabredeten Zeit erschienen. Das gab ihr mindestens eine halbe Stunde bis ihre verläßlich verspäteten Schotten eintreffen würden. Wie immer.

Noch bevor sie sich richtig gesetzt hat stand ein Glas Whisky vor ihr und der Barkeeper sagte ohne sie anzusehen: "Zu früh kommen ist unhöflich, Germany."
Steilvorlage. Sie antwortete grinsend: "Das ist genetisch. Aber mit guter Gesellschaft vergeht das Warten wie im Flug, meinst du nicht, Heathcliff?"
Ohne auch nur den Anflug eines Lächelns erwiderte dieser: "Du hast gut reden, dieses Gespräch ist bestimmt leichter zu ertragen mit einem Ardbeg in der Hand und in der Kehle. Und hör auf mich Heathcliff zu nennen."

Sie lächelte nur und freute sich auf die kommenden Minuten. Kaum etwas machte sie so glücklich wie ein Mann, der schwer zu erobern war. Sie hatte Heathcliff (dessen echten Namen sie zwar eines Abends erfragt aber nach etwas Pech im Trinkspiel am nächsten Morgen vergessen hatte) nun schon knapp drei Monate bearbeitet. Er war reif. Sie sah es in den verstohlenen Blicken, die er ihr zuwarf, wenn er dachte sie bemerke es nicht, und an den unnötig schroffen Antworten, die er seinen Kollegen und den Pubgästen gab, wenn sie nach ihr fragten. Am klarsten sah sie es in den giftigen Blicken, die eine ganz bestimmte Kollegin Heathcliffs ihr oft zuwarf.
Sie wusste: bald war es soweit.

(Was sie nicht wusste: schon heute Abend sollte er sie und ihre Freunde nach der letzten Runde zum Bleiben einladen. Er sollte ihr in einem ruhigen Gespräch zum ersten Mal direkt in die Augen sehen und sie nicht mehr Germany nennen. Sie sollten überstürzt ins Büro gehen und halbnackt auf den Abrechnungen entdeckt werden. Er sollte seinen Job behalten dürfen, sie sollten zwei Tage später beenden was sie an diesem Abend angefangen hatten, in ihrem Bett, ohne Unterbrechung, aber auch ohne Cathy.)

Wir passen immer nur so gut
wie deine Faust
auf mein Auge.

Ich biete
eine rote Schweißperle
gegen hundert goldene Blicke.

Damals
war Herzblut noch
mehr als nur Farbstoff.

Heute
sind es
Versprechen mit Sollbruchstelle.

Die Zeit vergeht langsam
unter Samthäuten.
Hoffnungen sterben
zuletzt
warte ich auf einen Heathcliff,
der mich unsterblich macht.