Damals: das wappnen
Damals (war es wirklich erst gestern?), als ihr Handy klingelte und die SMS eine Nachricht unbekannten Absenders zeigte, wusste sie sofort, wer ihr geschrieben hatte.
„Salut ma chérie, are you still in Munich? Tomorrow, 8pm at that pub near that church. Be there or be sorry. Bisous”
Die Katze hatte sich auf Samtpfoten zurück in ihr neues Leben geschlichen.
Den Rest ihrer Nachtschicht arbeitete sie wie in den vergangenen Tagen stumm und mechanisch. Nun auch mit zitternden Händen. Sie sprach mit ihrem Chef, der verwundert und leicht genervt ihre Schichten für die kommende Woche strich. Sie verzichtete auf den MVV und lief im warmen münchner Spätsommer nach Hause.
Dort angelangt goss sie sich vorsichtig ein Glas Whisky ein, setzte sie sich an den Computer und änderte ihren Rückflug nach Schottland. Sie legte sich die Klamotten für einen weiteren Tag beiseite und packte einen 20kg schweren Koffer. Sie schrieb ihrer Freundin: „Ein Geist ist zurück. Ich fliege übermorgen.“
Sie sah sich um. Irgendwann zwischen Carol Ann Duffy und E. E. Cummings, zwischen drei und vier Uhr morgens, zwischen dem vierten und dem fünften Whisky, zwischen dem fünften und sechsten unbeantworteten Anruf ihrer Freundin, fiel sie in einen unruhigen Schlaf.
es ist ein
stahlgrauer tag das
sirren der waffen liegt
in der luft es
wächst
mein schlachtenmüdes herz
wimmert
ich streichle seine
rauen schwielen ich
summe eisen eisen wie
ein wiegenlied zum
einschlafen zu sagen ich
flüstere blut blut wie
ein geheimnis das
nur wir kennen
mein narbenstarres herz
wird still
nur das summen hörbar und
es wächst und
es wächst und
es schrillt die glocke
der schlag kommt der
schlag kommt
er kommt
Heute: das trösten
Viel zu früh steht sie auf, die Nachtschicht steckt ihr noch in den Knochen und ein Blick in den Spiegel beweist, dass sie ihr auch in den Augen steckt. Als sie sich auch in der Dusche nicht wegwaschen lässt begräbt sie sie unter Makeup.
Den Tag über starrt sie Buchstaben und ihren Koffer an, der bestimmt nicht alles enthält, was sie braucht. (Das tut er nie.)
Viel zu früh steht sie am vereinbarten Treffpunkt. Den wasserstoffblonden Kopf sieht sie schon von weitem. Sie holt tief Luft.
Cats Gesicht ist so schön wie vor knapp einem Jahr, doch das linkische Lächeln hat einer Bitterkeit Platz gemacht. Sie drückt ihr kurz und hart die Lippen auf den Mund. Fast schroff erklärt das Mädchen, dass es zu ihr nach Hause gehen möchte. Sie gehorcht.
Die Katze erklärt nicht, was ihr in der Zwischenzeit widerfahren ist. Sie wirft einen kurzen Blick auf den Koffer, nimmt unaufgefordert die Whiskyflasche, füllt ihr Glas bis zum Rand und prostet ihr zu. Dann zieht sie sich schweigend aus.
Sie streichelt den nackten mageren Körper des blonden Mädchens, das ihr so fremd und so vertraut ist, doch es reagiert kaum auf die Zärtlichkeit. Es starrt sie unverwandt an, zeitweise ist sie sich sogar sicher dass die grünen Augen wütend aufblitzen. Auf die Frage hin, ob es nicht besser wäre aufzuhören und nur zu reden oder zu schlafen, schüttelt es heftig den Kopf.
Sie lieben sich verbissen.
Sie ist nicht überrascht und nicht einmal verletzt, als Cat sich früh am nächsten Morgen anzieht und ohne ein Wort des Danks verschwindet. Von ihrer wunden Liebe ist nichts übrig als Mitleid.
Müde, als hätte sie in der vergangenen Nacht eine schwere Last abgestreift, schlüpft sie in die vorbereiteten Klamotten, nimmt ihren Koffer und ihr Flugticket und geht zur S-Bahn.
Der Schrei
der wie eine Farbe
den endlosen Raum füllt
Worte
Gesten und Berührungen
werden Masse
werden Sandkörner
unzählbar und unbedeutend
Ich schütte sie
in den Raum
ihn zu definieren
Oder
einen Boden zu legen
auf dem man beschwerlich gehen kann
und manchmal rasten
und etwas in der Hand zu halten
und ein Geräusch zu hören, das von Außerhalb kommt
bis das Salzwasser
die Farbe auswäscht
Mittwoch, 5. Januar 2011
Montag, 6. Dezember 2010
Von Mir
Ich gönne ihr eine Pause. Unter uns: sie hat sie bitter nötig. Sie nimmt kein Ende. Kein Ende heißt auch: kein gutes Ende. Darum lieben wir Filme und Bücher, wegen der Enden, die doch gar keine sind.
Auch ich nehme kein Ende. Meine Welt (der sie entsprungen ist) überschüttet und erstickt mich mit Weiß. Seit über einer Woche –
ist es tatsächlich erst eine Woche? Es erscheint mir länger. Wer auch immer die Zeit definiert hat ist sehr nachlässig gewesen, es fehlen Ereignisse, es fehlen Gefühle in der Zeit und irgendwann, wenn ich einmal Zeit finde, will ich die Zeit neu definieren. Nicht heute.
Heute will ich hauptsächlich schlafen.
sitze ich an verschiedenen deutschen oder britischen Flughäfen und Bahnhöfen fest. Ich warte. Ich funktioniere auch. Manchmal höre ich kurz auf zu funktionieren. Dann kommt jemand und repariert mich. Zum Beispiel der alte Bahnbeamte aus Glasgow, der mir in Manchester kostenlos meinen Zug umbucht, weil ich so einen sympathischen Akzent habe. Oder meine Mitbewohnerin, die die Kamera holt, weil ich so schön aussehe, wenn ich weine. Oder sie, die schweigend und wütend neben mir im Bett liegt, mir eine Packung Taschentücher gibt und mir stoisch vorlebt, wie man funktioniert.
Andere sind weniger hilfreich. Doch zum Glück versinken auch sie in dem Weiß, auf das die Menschen hier so überhaupt nicht vorbereitet zu sein scheinen, und werden still. Still wie Schnee. Das Chaos packt die vielen kleinen Welten, die nebeneinander und ineinander und durcheinander existieren und sich an einander reiben, wirft sie in die Luft und presst sie alle in einen Raum. Und wartet. Und betrachtet. Und lacht – ja, ganz bestimmt lacht es. Ich höre es doch in dem Knirschen der Stiefel und dem Stöhnen der Massen.
Auch ich habe über all das Warten angefangen zu betrachten. Ich bin, gelinde gesagt, pikiert. Aber vielleicht eines Tages, wenn das alles irgendeine Art von Ende gefunden hat, wenn ich die Zeit neu definiert habe, vielleicht lache ich dann auch.
“That which does not kill us makes us stronger.“
“You’ll be the Hulk.”
So gehört in Two and a Half Men auf einem unverhofften Flug aus Singapur über München nach Manchester. Und tatsächlich ein bisschen gelächelt.
Dinge verzerrt
wie auf einem Video
ausgestreckt und gepresst
im falschen Raum
Etwas woanders
weit
weg
Ferne neu definiert
Wenig festzuhalten
tatsächlich
Auch ich nehme kein Ende. Meine Welt (der sie entsprungen ist) überschüttet und erstickt mich mit Weiß. Seit über einer Woche –
ist es tatsächlich erst eine Woche? Es erscheint mir länger. Wer auch immer die Zeit definiert hat ist sehr nachlässig gewesen, es fehlen Ereignisse, es fehlen Gefühle in der Zeit und irgendwann, wenn ich einmal Zeit finde, will ich die Zeit neu definieren. Nicht heute.
Heute will ich hauptsächlich schlafen.
sitze ich an verschiedenen deutschen oder britischen Flughäfen und Bahnhöfen fest. Ich warte. Ich funktioniere auch. Manchmal höre ich kurz auf zu funktionieren. Dann kommt jemand und repariert mich. Zum Beispiel der alte Bahnbeamte aus Glasgow, der mir in Manchester kostenlos meinen Zug umbucht, weil ich so einen sympathischen Akzent habe. Oder meine Mitbewohnerin, die die Kamera holt, weil ich so schön aussehe, wenn ich weine. Oder sie, die schweigend und wütend neben mir im Bett liegt, mir eine Packung Taschentücher gibt und mir stoisch vorlebt, wie man funktioniert.
Andere sind weniger hilfreich. Doch zum Glück versinken auch sie in dem Weiß, auf das die Menschen hier so überhaupt nicht vorbereitet zu sein scheinen, und werden still. Still wie Schnee. Das Chaos packt die vielen kleinen Welten, die nebeneinander und ineinander und durcheinander existieren und sich an einander reiben, wirft sie in die Luft und presst sie alle in einen Raum. Und wartet. Und betrachtet. Und lacht – ja, ganz bestimmt lacht es. Ich höre es doch in dem Knirschen der Stiefel und dem Stöhnen der Massen.
Auch ich habe über all das Warten angefangen zu betrachten. Ich bin, gelinde gesagt, pikiert. Aber vielleicht eines Tages, wenn das alles irgendeine Art von Ende gefunden hat, wenn ich die Zeit neu definiert habe, vielleicht lache ich dann auch.
“That which does not kill us makes us stronger.“
“You’ll be the Hulk.”
So gehört in Two and a Half Men auf einem unverhofften Flug aus Singapur über München nach Manchester. Und tatsächlich ein bisschen gelächelt.
Dinge verzerrt
wie auf einem Video
ausgestreckt und gepresst
im falschen Raum
Etwas woanders
weit
weg
Ferne neu definiert
Wenig festzuhalten
tatsächlich
Montag, 29. November 2010
Von den Worten
Jetzt: Gold
Und dann, nach und nach, verstummt sie.
Es ist nicht so, als kämen keine Laute mehr über ihre Lippen, vielmehr wird alles, was sie sagt, reine Reaktion. Einem dressierten Tier gleich läuft sie durch das wankelmütige München und lächelt, nickt, sagt ja, sagt nein, stöhnt, seufzt, lacht und weint an den jeweils angemessenen Stellen. Manchmal vertut sie sich ein wenig doch das fällt selten auf, schließlich erzählt sie jedem gewissenhaft, dass sie in letzter Zeit „ein wenig zerstreut“ ist. Und es stimmt: jeder Laut, den sie verursachte, springt in tausendfachem Echo in ihrer Leere hin und her und lässt sie schaudern.
Die Leere, das Neue, das Unbeschriebene, dem sie frische Tinte aufzwingen wollte, hat selbst die hartnäckigste Druckerschwärze abgewiesen und frisst sich langsam durch ihre Organe.
Natürlich gibt es auch die, die versuchen, sie aufzusammeln und neu zusammenzusetzen. Doch dies sind Scherben, die Körperflüssigkeiten oder Eiscreme nicht zusammenfügen können. Ihre zaghaften Erklärungsansätze bei besonders warmen Rettungsversuchen verhallen in dem Weiß, das ihr aus dem Mund und aus der Nase kriecht und sich wie eine Taucherglocke um ihren Kopf gelegt hat.
Manchmal geht ein Beben durch sie und sie sieht für wenige Sekunden eine Liste von Dingen, die ihr Körper verlangte. Dann verstummen ihre Sinne wieder.
Die Ideen liegen in ihr
wie überreife Früchte.
Ihre Zunge hat noch nie
ein Wort gekostet.
Du aber kannst
Samenkapseln pflücken
von den Seufzern ihrer
stummen Lippen.
Du musst
sie sammeln
aus ihren geschwätzigen Händen
du sollst
sie suchen
im Rhythmus ihrer Schritte.
Decke sie zu
mit Buchstabenerde
und ihrer Geduld.
Damals: Silber
Nach der überstürzten Ankunft und den langen Pariser Nächten schlug sie hart auf dem herbstfrostigen Boden Frankreichs auf. Ein Gefühl nicht ganz unähnlich dem, das sie Anfang diesen Sommers überfallen hatte, schlich sich in ihr Leben. Der Unterschied war nur, dass dieses Leben damals so übervoll war und sie einen blanken Punkt vergeblich suchen musste. Es war nicht einmal Raum für ein neues Wort.
Es sollte wieder einmal die Andere sein, die für ein paar Tage zu ihr fuhr und ihr Windschatten im Herbststurm bot. Sie räumte gewissenhaft das Chaos, das in ihr herrschte auf, faltete, stapelte, verpackte in Kisten und verstaute diese. Sie machte die Sicht frei und deutete.
Auf den morgendlichen Nebel, der sich träge aus dem grauen Gras erhob. Auf den Feigenbaum, der sich zwischen die Walnussbäume geduckt hatte. Auf die Chocolaterie, die mit jedem Espresso eine kleine Praline zur Probe anbot. Auf die sterbenden Sonnenblumen.
Als ihr die Tränen in die Augen stiegen, packte die Freundin sie fest bei der Hand und rief: „Jetzt gilt’s!“ Und sie rannten blind in das Feld voller Leichen.
Und wieder
hat mich diese Frau
mit ihren starken Armen
in meine Welt geworfen
(die ich ihn zeigen wollte),
hat mich in ein Feld voller
toter Sonnenblumen geworfen
und gesagt:
„Wer bräuchte denn da noch
das Schweigen?“
Sie hat mir einen Umhang umgelegt,
der nach Mandeln riecht,
und gesagt:
„Jetzt kommt die Jahreszeit, in der dein Atem
die Welt ohnehin aussperrt –
du kannst die Fäuste herunternehmen.“
Und als sie wieder ging
hat sie nur gesagt:
„Wenn ich deinen Kopf jetzt loslasse,
lass ihn nicht fallen.“
Da waren ihre breiten Schultern,
da war ihr roter Mantel in der Ferne,
da war ich wieder allein.
Aber mein Schweigen liegt gut
bei den toten Sonnenblumen.
Und dann, nach und nach, verstummt sie.
Es ist nicht so, als kämen keine Laute mehr über ihre Lippen, vielmehr wird alles, was sie sagt, reine Reaktion. Einem dressierten Tier gleich läuft sie durch das wankelmütige München und lächelt, nickt, sagt ja, sagt nein, stöhnt, seufzt, lacht und weint an den jeweils angemessenen Stellen. Manchmal vertut sie sich ein wenig doch das fällt selten auf, schließlich erzählt sie jedem gewissenhaft, dass sie in letzter Zeit „ein wenig zerstreut“ ist. Und es stimmt: jeder Laut, den sie verursachte, springt in tausendfachem Echo in ihrer Leere hin und her und lässt sie schaudern.
Die Leere, das Neue, das Unbeschriebene, dem sie frische Tinte aufzwingen wollte, hat selbst die hartnäckigste Druckerschwärze abgewiesen und frisst sich langsam durch ihre Organe.
Natürlich gibt es auch die, die versuchen, sie aufzusammeln und neu zusammenzusetzen. Doch dies sind Scherben, die Körperflüssigkeiten oder Eiscreme nicht zusammenfügen können. Ihre zaghaften Erklärungsansätze bei besonders warmen Rettungsversuchen verhallen in dem Weiß, das ihr aus dem Mund und aus der Nase kriecht und sich wie eine Taucherglocke um ihren Kopf gelegt hat.
Manchmal geht ein Beben durch sie und sie sieht für wenige Sekunden eine Liste von Dingen, die ihr Körper verlangte. Dann verstummen ihre Sinne wieder.
Die Ideen liegen in ihr
wie überreife Früchte.
Ihre Zunge hat noch nie
ein Wort gekostet.
Du aber kannst
Samenkapseln pflücken
von den Seufzern ihrer
stummen Lippen.
Du musst
sie sammeln
aus ihren geschwätzigen Händen
du sollst
sie suchen
im Rhythmus ihrer Schritte.
Decke sie zu
mit Buchstabenerde
und ihrer Geduld.
Damals: Silber
Nach der überstürzten Ankunft und den langen Pariser Nächten schlug sie hart auf dem herbstfrostigen Boden Frankreichs auf. Ein Gefühl nicht ganz unähnlich dem, das sie Anfang diesen Sommers überfallen hatte, schlich sich in ihr Leben. Der Unterschied war nur, dass dieses Leben damals so übervoll war und sie einen blanken Punkt vergeblich suchen musste. Es war nicht einmal Raum für ein neues Wort.
Es sollte wieder einmal die Andere sein, die für ein paar Tage zu ihr fuhr und ihr Windschatten im Herbststurm bot. Sie räumte gewissenhaft das Chaos, das in ihr herrschte auf, faltete, stapelte, verpackte in Kisten und verstaute diese. Sie machte die Sicht frei und deutete.
Auf den morgendlichen Nebel, der sich träge aus dem grauen Gras erhob. Auf den Feigenbaum, der sich zwischen die Walnussbäume geduckt hatte. Auf die Chocolaterie, die mit jedem Espresso eine kleine Praline zur Probe anbot. Auf die sterbenden Sonnenblumen.
Als ihr die Tränen in die Augen stiegen, packte die Freundin sie fest bei der Hand und rief: „Jetzt gilt’s!“ Und sie rannten blind in das Feld voller Leichen.
Und wieder
hat mich diese Frau
mit ihren starken Armen
in meine Welt geworfen
(die ich ihn zeigen wollte),
hat mich in ein Feld voller
toter Sonnenblumen geworfen
und gesagt:
„Wer bräuchte denn da noch
das Schweigen?“
Sie hat mir einen Umhang umgelegt,
der nach Mandeln riecht,
und gesagt:
„Jetzt kommt die Jahreszeit, in der dein Atem
die Welt ohnehin aussperrt –
du kannst die Fäuste herunternehmen.“
Und als sie wieder ging
hat sie nur gesagt:
„Wenn ich deinen Kopf jetzt loslasse,
lass ihn nicht fallen.“
Da waren ihre breiten Schultern,
da war ihr roter Mantel in der Ferne,
da war ich wieder allein.
Aber mein Schweigen liegt gut
bei den toten Sonnenblumen.
Donnerstag, 11. November 2010
leben über menschen
Jetzt: Überleben
Sie hält eine leere Kaffeetasse umklammert. Ihre Wohnung ist im ersten Herbststurm abgekühlt, sie scheint es nicht zu merken. Ihr Körper merkt es, jeder einzelne Muskel ist gespannt. Sie ist ein Tier mit geweiteten Pupillen, bereit zum Sprung.
Wohin läuft man auf der Flucht vor etwas, das einem auf Schritt und Tritt folgt? Man läuft nicht. Man bleibt stehen. Man wird zu etwas anderem, zu einem Wesen, dem sein Schatten gleichgültig ist. Das keinen Schatten kennt. Ein Tier mit geweiteten Pupillen vielleicht. Oder ein Stück Holz.
Am schönsten vielleicht noch – eine Statue. Damit der Rest der Welt nichts bemerkt und man sie weiter betrachten kann. (Bitte nicht anfassen.)
Sie unterteilt ihre freie Zeit in Abschnitte, die alle ziemlich genau eine Stunde dauern (wahlweise eine Die Drei ??? Kassette oder ein Kapitel aus Jenseits von Gut und Böse). Sie geht zur Arbeit. Sie isst. Tatsächlich isst sie ziemlich viel in letzter Zeit, nun, im Grunde kocht sie einfach nur ziemlich viel in letzter Zeit. Diese ungewohnten Handbewegungen, die neuen Geschmackserlebnisse, nichts davon könnte irgendwelche Erinnerungen wachrufen. Es beginnt mit den Muscheln, die sie in Brügge gegessen hat. Dann kocht sie sich beständig durch den restlichen Blog.
Sie kocht auch für andere, die kommen und essen und betrachten die Statue. (Bitte nicht anfassen.)
Auch heute Abend hat sie Menschen eingeladen, die lange über seltsam wächsern aussehenden Artischocken schweigen. „Das in der Mitte, das muss man rausschneiden, das ist ungenießbar“, will einer wissen. „Das Herz, das ist das Beste. Warum man sich diese Mühe mit all den Blättern und Schichten, an denen doch fast nichts dran ist, machen soll, verstehe ich wirklich nicht…“ erläutert ein anderer.
Nun merkt sie doch, wie kalt es geworden ist.
Und in ihr hebt zaghaft ein Wunsch den Kopf: einen der beiden Weisen zu fragen, ob er sie heute Abend anfassen möchte.
Ich trage meine Nacht
überall.
Vorgestern besuchte mich
ein hartes Feuer.
Es spuckte wie ein Vulkan,
es kreischte
brennende Sätze.
Leichen leuchten
nur grün im Dunkeln –
ich mache mir Kerzen
aus ihren Schlüsselbeinen.
Das Schwarz
kann mich nicht beißen
mit meinem schreienden Feuer
mit meinen Totenkerzen
und wenn alles verglimmt
suche ich
Menschen.
Nichts schimmert so schön
wie lebendige Haut.
Damals: Übermenschen
In einem der seltenen Momente in denen sie die Ahnung, dass Cat sie bald verlassen würde, in ihr Herz ließ, fragte sie widerwillig und mit schwerer Zunge, warum sie sie mitgenommen hatte.
Die Blonde antwortete ohne zu zögern. Weil ich mich nicht mag, sagte sie, und du lenkst mich ein wenig von mir ab.
Der Alkohol und der Zweifel, ob die dieses Mädchen liebte oder nur selbst so geliebt werden wollte, wie sie dieses Mädchen liebte, tanzten Walzer in ihrem Kopf. Sie wippte ihren Fuß im Takt der Musik und setzte konzentriert das, was Cat ihr gesagt hatte, mit ihrem Zweifel zusammen wie ein Puzzle. Sie erhielt eine Erkenntnis, die ihr im kommenden Jahr viel hätte ersparen können, wenn da nicht plötzlich der Alkohol die Musik aufgedreht und auf Rock’n’Roll gewechselt hätte, sodass sie sich am nächsten Morgen an nichts von alldem mehr erinnerte.
Leih mir für einen Moment
deine Augen
damit ich mich wohlwollend
betrachten kann
Wenn man nur sieht
was man sehen möchte
bin ich rot-grün-blind
Ich will
gut sein
nicht für dich
einfach nur weil
ich ein wenig Liebe brauche
von jemandem
der mir näher ist
als du
Darum
verzeih mir
die Lüge
ich liebe dich nicht
und sei
gut
Sie hält eine leere Kaffeetasse umklammert. Ihre Wohnung ist im ersten Herbststurm abgekühlt, sie scheint es nicht zu merken. Ihr Körper merkt es, jeder einzelne Muskel ist gespannt. Sie ist ein Tier mit geweiteten Pupillen, bereit zum Sprung.
Wohin läuft man auf der Flucht vor etwas, das einem auf Schritt und Tritt folgt? Man läuft nicht. Man bleibt stehen. Man wird zu etwas anderem, zu einem Wesen, dem sein Schatten gleichgültig ist. Das keinen Schatten kennt. Ein Tier mit geweiteten Pupillen vielleicht. Oder ein Stück Holz.
Am schönsten vielleicht noch – eine Statue. Damit der Rest der Welt nichts bemerkt und man sie weiter betrachten kann. (Bitte nicht anfassen.)
Sie unterteilt ihre freie Zeit in Abschnitte, die alle ziemlich genau eine Stunde dauern (wahlweise eine Die Drei ??? Kassette oder ein Kapitel aus Jenseits von Gut und Böse). Sie geht zur Arbeit. Sie isst. Tatsächlich isst sie ziemlich viel in letzter Zeit, nun, im Grunde kocht sie einfach nur ziemlich viel in letzter Zeit. Diese ungewohnten Handbewegungen, die neuen Geschmackserlebnisse, nichts davon könnte irgendwelche Erinnerungen wachrufen. Es beginnt mit den Muscheln, die sie in Brügge gegessen hat. Dann kocht sie sich beständig durch den restlichen Blog.
Sie kocht auch für andere, die kommen und essen und betrachten die Statue. (Bitte nicht anfassen.)
Auch heute Abend hat sie Menschen eingeladen, die lange über seltsam wächsern aussehenden Artischocken schweigen. „Das in der Mitte, das muss man rausschneiden, das ist ungenießbar“, will einer wissen. „Das Herz, das ist das Beste. Warum man sich diese Mühe mit all den Blättern und Schichten, an denen doch fast nichts dran ist, machen soll, verstehe ich wirklich nicht…“ erläutert ein anderer.
Nun merkt sie doch, wie kalt es geworden ist.
Und in ihr hebt zaghaft ein Wunsch den Kopf: einen der beiden Weisen zu fragen, ob er sie heute Abend anfassen möchte.
Ich trage meine Nacht
überall.
Vorgestern besuchte mich
ein hartes Feuer.
Es spuckte wie ein Vulkan,
es kreischte
brennende Sätze.
Leichen leuchten
nur grün im Dunkeln –
ich mache mir Kerzen
aus ihren Schlüsselbeinen.
Das Schwarz
kann mich nicht beißen
mit meinem schreienden Feuer
mit meinen Totenkerzen
und wenn alles verglimmt
suche ich
Menschen.
Nichts schimmert so schön
wie lebendige Haut.
Damals: Übermenschen
In einem der seltenen Momente in denen sie die Ahnung, dass Cat sie bald verlassen würde, in ihr Herz ließ, fragte sie widerwillig und mit schwerer Zunge, warum sie sie mitgenommen hatte.
Die Blonde antwortete ohne zu zögern. Weil ich mich nicht mag, sagte sie, und du lenkst mich ein wenig von mir ab.
Der Alkohol und der Zweifel, ob die dieses Mädchen liebte oder nur selbst so geliebt werden wollte, wie sie dieses Mädchen liebte, tanzten Walzer in ihrem Kopf. Sie wippte ihren Fuß im Takt der Musik und setzte konzentriert das, was Cat ihr gesagt hatte, mit ihrem Zweifel zusammen wie ein Puzzle. Sie erhielt eine Erkenntnis, die ihr im kommenden Jahr viel hätte ersparen können, wenn da nicht plötzlich der Alkohol die Musik aufgedreht und auf Rock’n’Roll gewechselt hätte, sodass sie sich am nächsten Morgen an nichts von alldem mehr erinnerte.
Leih mir für einen Moment
deine Augen
damit ich mich wohlwollend
betrachten kann
Wenn man nur sieht
was man sehen möchte
bin ich rot-grün-blind
Ich will
gut sein
nicht für dich
einfach nur weil
ich ein wenig Liebe brauche
von jemandem
der mir näher ist
als du
Darum
verzeih mir
die Lüge
ich liebe dich nicht
und sei
gut
Samstag, 23. Oktober 2010
Das Versteck
Sie und er und all die anderen Menschen, die in mir wohnen, holen kurz Luft.
Bitte habt Geduld.
Warum auch nicht
Hölderlin spielen
in luftigen Papiertürmen
mit Fenstern
die mir Meer zeigen
wo Augen sind
Ich werde schon lang nicht mehr
trunken
vom Küssen
es braucht mehr und
ich bin auch schon lang nicht mehr
heilignüchtern
ich brauche mehr aber
nun
inmitten von luftig sich türmendem Papier -
ich raschele in mich hinein
und notiere:
Einsamkeit wird unterschätzt.
Bitte habt Geduld.
Warum auch nicht
Hölderlin spielen
in luftigen Papiertürmen
mit Fenstern
die mir Meer zeigen
wo Augen sind
Ich werde schon lang nicht mehr
trunken
vom Küssen
es braucht mehr und
ich bin auch schon lang nicht mehr
heilignüchtern
ich brauche mehr aber
nun
inmitten von luftig sich türmendem Papier -
ich raschele in mich hinein
und notiere:
Einsamkeit wird unterschätzt.
Montag, 30. August 2010
Poesie
Jetzt: Senkung
Sie steigt aus dem Zug. Der Alltag hat sie schon am Gleis erwartet. Er stürzt auf sie zu. Er fällt ihr um den Hals. Er verbeißt sich in ihren Nacken.
Sie gehört nicht zu den Menschen, die nicht allein sein können. Im Gegenteil, Gesellschaft, vor allem die permanente Gesellschaft einer einzelnen Person, ist ihr oft lästig oder unangenehm. Doch gerade heute, auf dem Weg zu ihrer Wohnung wird ihr schwindelig bei der Aussicht auf einen ganzen Tag allein unter ihrer Glasglocke – knapp vierundzwanzig Stunden bevor sie wieder einer sinnvollen Beschäftigung, ihrer Arbeit, nachgehen und einigen völlig sinnfremden Unterhaltungen beitreten kann.
Die Wände der Glasglocke werfen Echos hin und her, der leere Raum wird zur Bühne für ihre Gedanken. Gedanken an ihr neues Leben, das innerhalb von wenigen Wochen zu ihrem alten Leben wurde. In dem sie verloren in einem Wald von Flaschen aller Art, Form und Farbe umherirrt und sich zitternd an Körpern wärmt. In dem es keine Moral, keine Werte gibt, die sie an der Hand nehmen und führen. In dem Nietzsche ihr zuflüstert, dass sie nichts falsch macht, nichts falsch machen kann.
Die Leere zwischen den Beinen ihres neuen Körpers wurde gefüllt. Sie hat sich in ihrem alten Leben verlaufen.
Zuhause angekommen öffnet sie einen Gedichtband von Carol Ann Duffy und einen Wein, den sie in Brügge gekauft hat. Sofort wird sie ruhiger. Wenn man Momente konservieren könnte, denkt sie. Zwischen Buchseiten gepresst oder in Alkohol eingelegt. Für die Ewigkeit.
Heute will ich
dir nur ganz sanft
die Hand auflegen
und dir zuflüstern
bis du mit einem Seufzer
und aufhörst zu schlagen
mein Herz
Heute war ein Regen
mein Herz
Mohnblumen starben
mein Herz
ich sah sie
mit ihren gebrochenen Hälsen
mit ihren zerfetzten Pergamentblüten
rote Feen mit verrenkten Gliedern
Vielleicht wird ein Regen kommen
der dich bleich wäscht
mein Herz
Heute will ich
dich ganz vorsichtig
in den Schlaf singen
und lächeln
weil du nicht einmal weißt
dass du einen Schatten hast
weil du dich erschrickst
vor diesem unbekannten Schatten
und wenn es still wird
lege ich dich zwischen
Buchseiten
mein Herz
ich bewahre dich
für immer
Damals: Hebung
Der Ire war bald vergessen. Es gab genug zu entdecken in ihrem Leben, das ohnehin zum Überlaufen gefüllt war mit Sonnenstrahlen, die sich in ihrem Wald von Flaschen aller Art, Form und Farbe verfingen und brachen und sie ins Unterholz lockten. In dem Nietzsche ihr zuflüstert, dass sie nichts falsch machte, nichts falsch machen konnte.
Es gab die Momente (die sie, ganz nebenbei, nicht konservieren wollte) in denen sie sich gedankenverloren an einer Glasscherbe schnitt. Die Momente, in denen ein Regen fiel wie der, in dem sie damals ihr Fahrrad heimgefahren hatte. Oder in denen die Musik gespielt wurde, die sie gehört hatte als sie sich nachts aus seiner Wohnung gestohlen und heim gelaufen war.
Doch diese Schnitte behandelte sie mit Rae Armantrout und sie heilten schnell. Und es ging weiter.
Lieben lieben lieben
durch die Nacht durch den Tag durch die Nacht
Schweißperlen
Schnecken
kriechen träge über meine Haut
trocknen
klebrige Spuren
Salzkristalle
Grabsteine
einer Leidenschaft
Am Ende
bleibt nur
ganz still und heimlich
das vergessene Fahrrad
abzuholen
und heimzufahren
im Regen
Leben leben leben
den nächsten Tag die nächste Nacht das und so weiter
Sie steigt aus dem Zug. Der Alltag hat sie schon am Gleis erwartet. Er stürzt auf sie zu. Er fällt ihr um den Hals. Er verbeißt sich in ihren Nacken.
Sie gehört nicht zu den Menschen, die nicht allein sein können. Im Gegenteil, Gesellschaft, vor allem die permanente Gesellschaft einer einzelnen Person, ist ihr oft lästig oder unangenehm. Doch gerade heute, auf dem Weg zu ihrer Wohnung wird ihr schwindelig bei der Aussicht auf einen ganzen Tag allein unter ihrer Glasglocke – knapp vierundzwanzig Stunden bevor sie wieder einer sinnvollen Beschäftigung, ihrer Arbeit, nachgehen und einigen völlig sinnfremden Unterhaltungen beitreten kann.
Die Wände der Glasglocke werfen Echos hin und her, der leere Raum wird zur Bühne für ihre Gedanken. Gedanken an ihr neues Leben, das innerhalb von wenigen Wochen zu ihrem alten Leben wurde. In dem sie verloren in einem Wald von Flaschen aller Art, Form und Farbe umherirrt und sich zitternd an Körpern wärmt. In dem es keine Moral, keine Werte gibt, die sie an der Hand nehmen und führen. In dem Nietzsche ihr zuflüstert, dass sie nichts falsch macht, nichts falsch machen kann.
Die Leere zwischen den Beinen ihres neuen Körpers wurde gefüllt. Sie hat sich in ihrem alten Leben verlaufen.
Zuhause angekommen öffnet sie einen Gedichtband von Carol Ann Duffy und einen Wein, den sie in Brügge gekauft hat. Sofort wird sie ruhiger. Wenn man Momente konservieren könnte, denkt sie. Zwischen Buchseiten gepresst oder in Alkohol eingelegt. Für die Ewigkeit.
Heute will ich
dir nur ganz sanft
die Hand auflegen
und dir zuflüstern
bis du mit einem Seufzer
und aufhörst zu schlagen
mein Herz
Heute war ein Regen
mein Herz
Mohnblumen starben
mein Herz
ich sah sie
mit ihren gebrochenen Hälsen
mit ihren zerfetzten Pergamentblüten
rote Feen mit verrenkten Gliedern
Vielleicht wird ein Regen kommen
der dich bleich wäscht
mein Herz
Heute will ich
dich ganz vorsichtig
in den Schlaf singen
und lächeln
weil du nicht einmal weißt
dass du einen Schatten hast
weil du dich erschrickst
vor diesem unbekannten Schatten
und wenn es still wird
lege ich dich zwischen
Buchseiten
mein Herz
ich bewahre dich
für immer
Damals: Hebung
Der Ire war bald vergessen. Es gab genug zu entdecken in ihrem Leben, das ohnehin zum Überlaufen gefüllt war mit Sonnenstrahlen, die sich in ihrem Wald von Flaschen aller Art, Form und Farbe verfingen und brachen und sie ins Unterholz lockten. In dem Nietzsche ihr zuflüstert, dass sie nichts falsch machte, nichts falsch machen konnte.
Es gab die Momente (die sie, ganz nebenbei, nicht konservieren wollte) in denen sie sich gedankenverloren an einer Glasscherbe schnitt. Die Momente, in denen ein Regen fiel wie der, in dem sie damals ihr Fahrrad heimgefahren hatte. Oder in denen die Musik gespielt wurde, die sie gehört hatte als sie sich nachts aus seiner Wohnung gestohlen und heim gelaufen war.
Doch diese Schnitte behandelte sie mit Rae Armantrout und sie heilten schnell. Und es ging weiter.
Lieben lieben lieben
durch die Nacht durch den Tag durch die Nacht
Schweißperlen
Schnecken
kriechen träge über meine Haut
trocknen
klebrige Spuren
Salzkristalle
Grabsteine
einer Leidenschaft
Am Ende
bleibt nur
ganz still und heimlich
das vergessene Fahrrad
abzuholen
und heimzufahren
im Regen
Leben leben leben
den nächsten Tag die nächste Nacht das und so weiter
Samstag, 21. August 2010
Weiterspielen
Damals: Verlieren
Der Wolf schlich sich aus ihrem Leben. (Das war erst vorgestern, doch es fühlt sich an wie eine Ewigkeit.)
Nachdem die letzten Tropfen ihres Blutes aufgeleckt, die letzten Tränen getrunken waren, verschwand er so ruhig und gelassen, wie er erschienen war. Sie saß fassungslos in dem zerwühlten Doppelbett, das sie in den letzten Tagen kaum verlassen hatte, und sah ihn stumm an.
Ihre geweiteten Pupillen sahen aus wie Bojen, die verloren im Meer tanzten, dachte er. Doch das sagte er nicht. Er sagte: „Ich komme am späten Nachmittag wieder. Bitte geh bis dahin.“
Deutsch ist eine harte Sprache, dachte sie. So konkret. So genau. Doch das sagte sie nicht. Sie sagte gar nichts. Sie verfolgte ihn mit ihren Augen, in denen Bojen tanzten, und nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, rissen sie sich los und schwammen davon.
Vierundzwanzig Stunden lang kreisten ihre einsamen Gedanken um die deutsche Sprache und um graue Wölfe. Sie aß zu wenig und trank zu viel. Dann sah sie in den Spiegel.
Von dort starrte sie ein abgemagertes Mädchen mit tiefschwarzen Ringen unter den Augen an. Sie sah genau hin. Doch da waren kein Engländer und kein Zwilling.
Der Wolf hatte sie alle gefressen.
Sie war allein.
Sie atmete tief ein, strich sich über die langen Haare, über die nackten Schultern, und zog sich für die Arbeit an.
Wie es sich anfühlt,
mit dem Abend allein zu sein
und sich langsam
sich selbst anzuvertrauen?
Du wirst lernen
wie eine Mango schmeckt,
wenn du sie ganz allein isst,
und Whisky,
wenn du ihn nicht
von fremden Lippen leckst.
Verbrenne alle Kerzen
und hüte dich
vor Spiegeln im Licht.
Nichts ist klarer und kälter
als eine einsame Nacht
nach Tagen
voller Ja
und Immer.
Am Ende sagen alle,
dass Ehrlichkeit
der blanke Wahnsinn ist
und du wirst dich fragen,
ob du nicht doch wieder
Lügen sammeln willst,
um dein Bett zu polstern,
denn du teilst es mit allen,
nur nie mit dem Schlaf.
Entzünde alle Kerzen
und schlafe mit deinem Spiegelbild.
So fühlt es sich an:
wie Kreise
im Nichts.
Heute: Finden
Am nächsten Morgen macht sie einen kurzen Anruf (Herzrasen), bucht einen Zug für denselben Tag und gibt ihrer Freundin Bescheid, dass sie für zwei Tage verreist. „Zu deinem Ehemann?“ fragt diese nur. Und sie antwortet: „Ich brauche ein bisschen Märchen.“
Sie packt, steigt in den Zug, steigt in Paris um, steigt aus. Es ist Abend.
Sie nimmt den Bus, die Schnellstraße (die nie vermuten lässt, dass man mitten hinein in ein Märchen fährt) entlang, die winzigen Gässchen und Kanäle hindurch.
Die Straßenbeleuchtung ist noch nicht an, es ist noch hell und sogar warm. Sie war noch nie im Sommer in Brügge gewesen.
An einem schmalen hohen beigen Haus hält sie an. Sie klingelt und nimmt die Treppe in den dritten Stock. Im Treppenhaus, dessen durchgetretene, knarzende Holzstufen ihr vertrauter sind als die in ihrem Haus in München, riecht sie es bereits: Muscheln.
Sie betritt die winzige Studentenwohnung als hätte es die letzten vier Monate nicht gegeben, fährt dem jungen Mann, der am Herd steht, durch die Haare, und wirft ihr Gepäck in eine Ecke. „So darling, make yourself at home and tell me all about him. The last time it was a silly little Englishman as far as I remember, how did that end?”
Sie lächelt. Wie viel schöner Englisch klingt, und noch dazu aus dem unbeholfenen Mund eines Belgiers. Ihres „Ehemanns“, wie ihre Freundin ihn nannte. Es ist wahr, dass er einer der wenigen Männer war, die sich über mehrere Jahre hinweg in ihrem Leben halten konnte, doch Sex hatten sie seit ihrer ersten überstürzten Nacht nie wieder gehabt. Einer der Gründe, warum sie stets zu ihm zurückkam, um sich zu erholen.
“First things first sweetheart, I’m absolutely starving but I’ll tell you everything after dinner.“
“As you wish”, antwortete er und sie musste ein Lachen unterdrücken.
Ein Tag in Brügge, ein Tag im Märchen, dachte sie, und schob alle Gedanken an München, die Arbeit, den Wolf, das Danach, von sich.
Ein Tag
in der doppelten Stadt
mit ihren goldenen Mauern
und ihren kristallenen Zwillingen
in den Kanälen
Ein Tag
im sanften Auf und Nieder der Wellen
du schläfst nicht
du bist nur betrunken
von all den Herzen
die du ausgesaugt hast
du schläfst nicht
du atmest all die Sprachen ein
die Zeit zählt hier nichts mehr
sie ist ein sanftes Auf und Nieder
dein Herzschlag zählt nichts mehr
deine Gedanken haben hier
kristallene Zwillinge
in den Kanälen
Das heilige Blut
läuft über deine Lippen
beim Lachen und Schluchzen
die Sprachen sitzen bequem
in deinen Lungen und Ohren
die Einsamkeit gibt es hier nicht mehr
sie versteckt sich hinter Spiegeln
in der doppelten Stadt
für einen Tag
Alle Augen hier deine alle
sind gold gold gold
und sie sehen
kristallklar
Der Wolf schlich sich aus ihrem Leben. (Das war erst vorgestern, doch es fühlt sich an wie eine Ewigkeit.)
Nachdem die letzten Tropfen ihres Blutes aufgeleckt, die letzten Tränen getrunken waren, verschwand er so ruhig und gelassen, wie er erschienen war. Sie saß fassungslos in dem zerwühlten Doppelbett, das sie in den letzten Tagen kaum verlassen hatte, und sah ihn stumm an.
Ihre geweiteten Pupillen sahen aus wie Bojen, die verloren im Meer tanzten, dachte er. Doch das sagte er nicht. Er sagte: „Ich komme am späten Nachmittag wieder. Bitte geh bis dahin.“
Deutsch ist eine harte Sprache, dachte sie. So konkret. So genau. Doch das sagte sie nicht. Sie sagte gar nichts. Sie verfolgte ihn mit ihren Augen, in denen Bojen tanzten, und nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, rissen sie sich los und schwammen davon.
Vierundzwanzig Stunden lang kreisten ihre einsamen Gedanken um die deutsche Sprache und um graue Wölfe. Sie aß zu wenig und trank zu viel. Dann sah sie in den Spiegel.
Von dort starrte sie ein abgemagertes Mädchen mit tiefschwarzen Ringen unter den Augen an. Sie sah genau hin. Doch da waren kein Engländer und kein Zwilling.
Der Wolf hatte sie alle gefressen.
Sie war allein.
Sie atmete tief ein, strich sich über die langen Haare, über die nackten Schultern, und zog sich für die Arbeit an.
Wie es sich anfühlt,
mit dem Abend allein zu sein
und sich langsam
sich selbst anzuvertrauen?
Du wirst lernen
wie eine Mango schmeckt,
wenn du sie ganz allein isst,
und Whisky,
wenn du ihn nicht
von fremden Lippen leckst.
Verbrenne alle Kerzen
und hüte dich
vor Spiegeln im Licht.
Nichts ist klarer und kälter
als eine einsame Nacht
nach Tagen
voller Ja
und Immer.
Am Ende sagen alle,
dass Ehrlichkeit
der blanke Wahnsinn ist
und du wirst dich fragen,
ob du nicht doch wieder
Lügen sammeln willst,
um dein Bett zu polstern,
denn du teilst es mit allen,
nur nie mit dem Schlaf.
Entzünde alle Kerzen
und schlafe mit deinem Spiegelbild.
So fühlt es sich an:
wie Kreise
im Nichts.
Heute: Finden
Am nächsten Morgen macht sie einen kurzen Anruf (Herzrasen), bucht einen Zug für denselben Tag und gibt ihrer Freundin Bescheid, dass sie für zwei Tage verreist. „Zu deinem Ehemann?“ fragt diese nur. Und sie antwortet: „Ich brauche ein bisschen Märchen.“
Sie packt, steigt in den Zug, steigt in Paris um, steigt aus. Es ist Abend.
Sie nimmt den Bus, die Schnellstraße (die nie vermuten lässt, dass man mitten hinein in ein Märchen fährt) entlang, die winzigen Gässchen und Kanäle hindurch.
Die Straßenbeleuchtung ist noch nicht an, es ist noch hell und sogar warm. Sie war noch nie im Sommer in Brügge gewesen.
An einem schmalen hohen beigen Haus hält sie an. Sie klingelt und nimmt die Treppe in den dritten Stock. Im Treppenhaus, dessen durchgetretene, knarzende Holzstufen ihr vertrauter sind als die in ihrem Haus in München, riecht sie es bereits: Muscheln.
Sie betritt die winzige Studentenwohnung als hätte es die letzten vier Monate nicht gegeben, fährt dem jungen Mann, der am Herd steht, durch die Haare, und wirft ihr Gepäck in eine Ecke. „So darling, make yourself at home and tell me all about him. The last time it was a silly little Englishman as far as I remember, how did that end?”
Sie lächelt. Wie viel schöner Englisch klingt, und noch dazu aus dem unbeholfenen Mund eines Belgiers. Ihres „Ehemanns“, wie ihre Freundin ihn nannte. Es ist wahr, dass er einer der wenigen Männer war, die sich über mehrere Jahre hinweg in ihrem Leben halten konnte, doch Sex hatten sie seit ihrer ersten überstürzten Nacht nie wieder gehabt. Einer der Gründe, warum sie stets zu ihm zurückkam, um sich zu erholen.
“First things first sweetheart, I’m absolutely starving but I’ll tell you everything after dinner.“
“As you wish”, antwortete er und sie musste ein Lachen unterdrücken.
Ein Tag in Brügge, ein Tag im Märchen, dachte sie, und schob alle Gedanken an München, die Arbeit, den Wolf, das Danach, von sich.
Ein Tag
in der doppelten Stadt
mit ihren goldenen Mauern
und ihren kristallenen Zwillingen
in den Kanälen
Ein Tag
im sanften Auf und Nieder der Wellen
du schläfst nicht
du bist nur betrunken
von all den Herzen
die du ausgesaugt hast
du schläfst nicht
du atmest all die Sprachen ein
die Zeit zählt hier nichts mehr
sie ist ein sanftes Auf und Nieder
dein Herzschlag zählt nichts mehr
deine Gedanken haben hier
kristallene Zwillinge
in den Kanälen
Das heilige Blut
läuft über deine Lippen
beim Lachen und Schluchzen
die Sprachen sitzen bequem
in deinen Lungen und Ohren
die Einsamkeit gibt es hier nicht mehr
sie versteckt sich hinter Spiegeln
in der doppelten Stadt
für einen Tag
Alle Augen hier deine alle
sind gold gold gold
und sie sehen
kristallklar
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